Sleep Tech: Der nächste Milliardenmarkt entsteht nachts

Schlaf ist längst mehr als Wellness. Er ist Gesundheitsfaktor, Leistungsbasis und milliardenschwerer Zukunftsmarkt zugleich. Während Fitness, Ernährung und Longevity seit Jahren optimiert werden, bleibt ein Bereich erstaunlich unbeachtet: das, was Menschen jede Nacht direkt auf der Haut tragen.

Genau dort setzt das Dagsmejan an. Das Schweizer Unternehmen entwickelt funktionale Sleepwear auf Basis von Thermoregulation, Materialforschung und Schlafphysiologie. Wissenschaftlich getestet, getragen von Spitzensportlern und inzwischen in über 100 Ländern auf der Welt verkauft. Für Gründerin Catarina Dahlin war dabei früh klar: Sie baut keine Modemarke, sondern eine Sleep-Innovation-Company.

Im Interview spricht sie über die Zukunft von Sleep Tech, die Grenze zwischen Wissenschaft und Marketing, warum Schlaf gerade zum Infrastruktur-Thema wird und weshalb viele Menschen schlechter schlafen, ohne zu wissen, dass ihre Kleidung dabei eine Rolle spielt.

Frau Dahlin, Sie haben mit Dagsmejan einen Markt gewählt, der lange als banal galt: Nachtwäsche. Was haben andere übersehen und Sie nicht?

Catarina Dahlin: Dass Nachtwäsche eben nicht banal ist, wenn man sie vom Körper her denkt. Wir tragen sie direkt auf der Haut, während der Körper sich über Stunden regeneriert, Temperatur reguliert und Feuchtigkeit abgibt. Trotzdem wurde diese Kategorie lange fast ausschließlich über Optik, Weichheit oder Gewohnheit betrachtet.

Was uns aufgefallen ist: In der Sportbekleidung war funktionale Materialentwicklung längst selbstverständlich. Aber ausgerechnet in der Nacht, also während der wichtigsten Regenerationsphase, trugen viele Menschen Stoffe, die kaum für diese physiologischen Anforderungen entwickelt wurden. Wir haben also keine neue Sehnsucht erfunden. Wir haben ein alltägliches Produkt ernst genommen und gefragt: Was passiert, wenn man Schlaf wissenschaftlich denkt statt modisch?

Wann wurde Ihnen klar, dass Sie sich eigentlich außerhalb der klassischen Modebranche bewegen?

Catarina Dahlin: Relativ früh. Spätestens in dem Moment, als unsere wichtigsten Gespräche nicht mehr mit Design oder Trends begannen, sondern mit Thermoregulation, Feuchtigkeitstransport und Regeneration. Natürlich ist Dagsmejan ein Kleidungsstück. Es muss gut aussehen und sich gut anfühlen. Aber unser Ausgangspunkt war immer ein anderer: Welches Schlafbedürfnis lösen wir? Dadurch bewegen wir uns heute eher zwischen Schlafmedizin, Textiltechnologie, Recovery und Wellbeing als in der klassischen Fashion-Welt. Das macht die Kategorie komplexer, aber auch relevanter.

„Sleep Tech“ wächst gerade enorm. Entsteht hier ein echter Markt oder erleben wir eine Überhitzung?

Catarina Dahlin: Ich bin mir sicher, es entsteht ein echter Markt. Schlaf ist fundamental: biologisch, gesundheitlich und gesellschaftlich. Menschen merken zunehmend, dass schlechter Schlaf direkte Folgen hat: auf Konzentration, Stimmung, Regeneration und langfristige Gesundheit.

Natürlich gibt es in jeder Wachstumsphase auch Übertreibung. Der Begriff „Sleep Tech“ wird inzwischen sehr breit verwendet. Nicht alles, was sich auf Schlaf bezieht, hat automatisch Relevanz.

Die entscheidende Frage ist: Löst ein Produkt tatsächlich ein relevantes Schlafproblem? Gibt es eine nachvollziehbare Wirkweise? Wurde diese getestet oder nur behauptet?

Catarina Dahlin: Langfristig werden sich die Lösungen durchsetzen, die wissenschaftlich nachvollziehbar sind und im Alltag wirklich funktionieren. Viele Unternehmen berufen sich heute auf „Science“. Woran erkennt man, ob dahinter echte Substanz steckt? An der Nachvollziehbarkeit. Wer wissenschaftliche Claims macht, sollte erklären können, welche Hypothese getestet wurde, wie getestet wurde und mit welchem Ergebnis.

Für mich gibt es hier ein paar einfache Fragen: Gibt es unabhängige Tests? Werden Zahlen sauber belegt? Sind Aussagen spezifisch oder bewusst sehr allgemein formuliert? Und vor allem: Ist die Wissenschaft Ausgangspunkt des Produkts oder wurde sie erst nachträglich als Kommunikationsschicht dargestellt? Echte wissenschaftliche Arbeit wird selten lauter, sie wird präziser.

Wo ziehen Sie persönlich die Grenze: Ab wann ist ein Produkt wissenschaftlich fundiert genug, um öffentlich darüber zu sprechen?

Catarina Dahlin: Sobald wir die Wirkweise verstehen, relevante Tests durchgeführt wurden und unsere Aussagen durch diese Daten gedeckt sind. Gerade im Bereich funktionaler Produkte muss man sehr sauber unterscheiden: Was ist im Labor messbar? Was zeigt sich in Tragetests? Was ist dermatologisch oder klinisch validiert? Und was darf man daraus seriös ableiten? Die Grenze liegt dort, wo ein Claim mehr verspricht, als die Daten tragen. Dann formulieren wir bewusst vorsichtiger oder sprechen nicht darüber.

Sie arbeiten evidenzbasiert in einem Markt, der oft von Geschwindigkeit lebt. Bremst Sie das?

Catarina Dahlin: Kurzfristig manchmal schon. Forschung braucht Zeit. Materialentwicklung braucht Zeit. Manche Stoffe oder Technologien funktionieren in der Theorie gut, aber nicht in der realen Anwendung. Langfristig ist es aber ein Vorteil. Vertrauen entsteht nicht durch Geschwindigkeit, sondern durch Konsistenz.

Gerade beim Thema Schlaf reicht ein schönes Versprechen nicht aus. Menschen merken relativ schnell, ob etwas funktioniert oder nicht. Unsere evidenzbasierte Arbeitsweise war deshalb nie „Zusatz“, sondern Teil des Geschäftsmodells.

Rückblickend auf zehn Jahre Dagsmejan: Was war der strategisch schwierigste Moment?

Catarina Dahlin: Die Phase vor dem Launch. Wir hatten fast zwei Jahre in Forschung und Entwicklung investiert, bevor wir überhaupt wussten, ob Kundinnen und Kunden den Unterschied tatsächlich spüren würden. Das war der eigentliche Härtetest unseres Modells: Funktioniert die Übersetzung von Wissenschaft in ein Produkt, das Menschen freiwillig kaufen, tragen und weiterempfehlen?

Wir hatten Forschungspartner, Laborwerte und eine starke Überzeugung. Aber am Ende entscheidet immer die reale Erfahrung. Als die ersten Rückmeldungen kamen und Menschen beschrieben, dass sie tatsächlich besser schlafen, war das ein entscheidender Moment. Nicht, weil damit alles gelöst war, sondern weil klar wurde: Das Problem ist real. Und die Lösung kann relevant sein.

Schlaf wird heute zunehmend ökonomisch gedacht: als Produktivitätsfaktor, als Markt. Warum passiert dieser Perspektivwechsel gerade jetzt?

Catarina Dahlin: Weil Schlafmangel nicht mehr nur als individuelles Problem wahrgenommen wird. Menschen sehen inzwischen sehr konkret, welche Folgen schlechter Schlaf hat. Auf Leistungsfähigkeit, mentale Gesundheit, Regeneration oder Entscheidungsfähigkeit. Gleichzeitig leben wir in einer Zeit permanenter Reizüberflutung und hoher mentaler Belastung. Da wird deutlich, dass Erholung keine Nebensache ist. Ich finde aber wichtig: Schlaf sollte nicht nur unter Produktivitätsgesichtspunkten betrachtet werden. Schlaf ist kein Optimierungsprojekt. Er ist ein biologisches Grundbedürfnis.

Wird Schlaf damit zu einer neuen Form von Infrastruktur, vergleichbar mit Ernährung oder Fitness?

Catarina Dahlin: Ja, ich glaube schon. Ernährung und Bewegung gelten heute als selbstverständliche Bestandteile von Gesundheit. Schlaf war lange der unterschätzte dritte Pfeiler. Und Infrastruktur bedeutet: Es geht nicht um ein einzelnes Produkt. Sondern um ein gesamtes System: Wissen, Routinen, Arbeitskultur, Räume, Licht, Temperatur, Materialien.

Wir stehen da noch relativ am Anfang. Aber ich glaube, dass guter Schlaf künftig ähnlich selbstverständlich diskutiert wird wie Ernährung oder Fitness. Nnicht als Luxus, sondern als Grundlage für Lebensqualität und Gesundheit.

Wenn Sie Dagsmejan heute noch einmal gründen würden, was würden Sie anders machen?

Catarina Dahlin: Ich würde wahrscheinlich schneller Entscheidungen treffen und früher meinem Urteil vertrauen. Am Anfang wollten wir vieles vollständig verstehen, bevor wir den nächsten Schritt gemacht haben. Heute weiss ich: Man lernt schneller durch Testen, Zuhören und Iteration. Was ich auf keinen Fall anders machen würde, ist der wissenschaftliche Anspruch. Die Entscheidung, Dagsmejan nicht aus der Mode heraus zu entwickeln, sondern vom Körper und vom Schlafbedürfnis her, war zentral. Substanz braucht Zeit. Aber sie schafft etwas, das in vielen Märkten selten geworden ist: Vertrauen.

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Mareen Eichinger | macheete
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