Familie, Vergangenheit, Musik: Joe Bennick über sein neues Album „passages“

Joe Bennick verbindet in seinem neuen Album passages Musik, Literatur und Familiengeschichte auf besondere Weise. Die Songs stammen aus seinen Lesekonzerten zu seinem Roman Erlensee sowie aus dem Programm Bennick trifft Bartning, in dem er sich mit dem Lebenswerk seines Urgroßvaters, des Architekten Otto Bartning, auseinandersetzt. Dabei verschmelzen erzählerische Tiefe und akustische Klangwelten zu einem stimmigen, atmosphärischen Hörerlebnis. In den Stücken geht es um Identität, Erinnerung, Rückkehr und die Frage nach Heimat. Besonders das Notkirchenprogramm seines Urgroßvaters dient ihm als Inspirationsquelle, um Geschichte, Raum und Musik miteinander zu verbinden. Im Interview spricht Joe Bennick über die Entstehung des Albums, seine künstlerische Arbeit und die persönlichen Erfahrungen, die passages geprägt haben.

Beschreibe dich in drei Wörtern.
Joe Bennick: „kreativ, unverwechselbar, vielseitig“

Der Titel deutet auf Übergänge hin – zwischen Zeiten, Orten, Menschen. Welche „Passage“ war für dich persönlich die wichtigste während der Arbeit an diesem Album?
Joe Bennick: „Es gab viele Passagen während der Arbeit an diesem Album. Wahrscheinlich sagt jeder Künstler, dass die aktuelle Platte die wichtigste für ihn sei. Bei mir stimmt das besonders, weil dieses Album das Ergebnis von zehn Jahren intensiver Prozesse ist. Ich habe mich viel mit meiner Identität, meiner Herkunft und meiner Familie auseinandergesetzt, Themen immer wieder überdacht und vieles über Bord geworfen.
Die für mich wichtigste Passage war die der Befreiung. Einerseits die persönliche: Durch die künstlerische Auseinandersetzung konnte ich lang in mir gehaltene Themen sichtbar machen und loslassen. Andererseits die übergeordnete: die Verbindung zu meinem Urgroßvater und seinem Lebenswerk, seine Bauwerke, seine Geschichte, die ich dadurch erst richtig kennenlernen und weitergeben konnte. Es war eine Passage des Sichtbarwerdens, des Verbindens und letztlich auch des Loslassens.“

Gibt es einen Song auf dem Album, der für dich emotional besonders schwer oder besonders leicht zu schreiben war?
Joe Bennick: „Für mich ist jeder Song auf dem Album emotional stark besetzt. Jeder hat seine eigene Geschichte und eine sehr dichte Bedeutung. Manche waren eher schwer, weil sie Dinge berühren, die ich lange nicht ansprechen konnte. Andere wiederum waren überraschend leicht, weil sie etwas in mir treffen, das schon da war und nur noch einen Ausdruck brauchte. Insgesamt war es ein sehr intensiver Prozess, bei dem ich viel über meine Familie, meine Herkunft und meine Identität nachgedacht habe. Ich habe viel losgelassen, viel neu sortiert und mich dabei auch immer wieder selbst entdeckt. Dieses Album ist für mich eine Sammlung von Passagen. Von Momenten, in denen etwas sichtbar wurde, und in denen ich etwas loslassen konnte. Geister war bis kurz vor der Aufnahme noch auf Englisch. Die deutsche Version entstand in sehr kurzer Zeit, als hätten die Worte nur darauf gewartet, eingesetzt zu werden. Erst in Deutsch hat der Song für mich seine volle Wirkung bekommen. Er ist wie ein Geständnis und ein Befreiungsschlag, besonders in Verbindung mit der entsprechenden Textstelle im Roman. Der Song ist emotional aufreibend für mich, weil er Dinge anspricht, die lange in mir waren und die ich erst durch das Schreiben sichtbar machen konnte.“

Du spielst deine Programme oft in besonderen Räumen wie Kirchen. Wie beeinflusst der Raum deine Musik?
Joe Bennick: „Der Raum beeinflusst die Musik immer: durch Akustik, die Nähe zum Publikum, die Atmosphäre. Bei den Kirchen, in denen ich das Sonderprogramm spiele, ist das aber noch einmal etwas anderes: Diese Räume sind nicht zufällig gewählt, sie sind Teil vom Programm – inhaltlich, atmosphärisch und akustisch.
Noch wichtiger ist für mich aber, dass diese Kirchenräume durch meinen Urgroßvater entstanden sind. Dadurch verschmelzen meine Erzählung, meine Musik, der Raum und sein Leben zu einem Ganzen. Und das merkt man auch im Publikum: Oft sitzen dort Menschen, die selbst einen sehr persönlichen Bezug zu diesem Ort haben. Das macht die Atmosphäre einzigartig. Es ist ein Privileg, und es hat etwas Demütiges, dort zu spielen.“

Was hat dich persönlich am Notkirchenprogramm deines Urgroßvaters am meisten berührt?
Joe Bennick: „Was mich am Notkirchenprogramm meines Urgroßvaters am meisten berührt, ist das Gesamtkonzept dahinter: diese Verbindung aus Überzeugung für eine Sache, dem Blick auf die Menschen, einem echten Zugewandtsein und dem Pioniergeist, der darin steckt. Otto Bartning hat diese Kirchen in einer Zeit gebaut, in der es nach dem Krieg an allem fehlte. Er hat nicht nur gebaut, sondern Räume geschaffen, die für die Menschen damals Orte der Begegnung, des Trostes und des Neubeginns wurden – einfache, aber durchdachte Kirchen, die durch Eigenleistung der Gemeinden entstanden sind und noch heute genutzt werden.
Für mich ist es bewegend zu sehen, wie sein Engagement, dieser Mut, dieser Ort und diese Haltung in den Räumen weiterleben, in denen ich spielen darf.“

Das Album „passages“ ist ab sofort auf allen Download- und Streamingplattformen verfügbar.
Für weitere Informationen:
Laila Bahaaeldin | macheete
E-Mail: presse@macheete.com